Wassily Kandinsky (1866-1944)


Bild von Kandinsky

In Wassily Kandinsky vereinigte sich ein ungewöhnlich ausgeprägtes Empfinden für Farbe und Form mit einer scharfen bildnerischen Intelligenz. Er gilt allgemein als der erste abstrakte Maler. Sein frühestes abstraktes Bild entstand 1910. Bereits 1906 hatte Alfred Kubin - angeregt durch Blicke in das Mikroskop das Unzulängliche einer Beschränkung auf die dem bloßen Auge sichtbare Welt empfunden und "wie in einem Rausch" etwa 20 Bilder mit visionären, aus dem Unbewußten erfühlten Formen geschaffen. jedenfalls aber gebührt Wassily Kandinsky das Verdienst, das intuitiv Erfaßte als erster ganz bewußt entwickelt zu haben. Mit der Überwindung der Dingwelt machte er in seinem Schaffen eine allgemein latente Sehnsucht nach völlig neuen künstlerischen Aspekten sichtbar; zugleich gab er dem Neuen in seinen theoretischen Schriften das geistige Fundament. Diese nur scheinbar überraschende, in Wahrheit - wie aus späterer Sicht erkennbar wurde - längst vorbereitete revolutionäre Abkehr von den überkommenen Begriffen in der Kunst kam nicht von ungefähr. Sie war Ausdruck jener tiefen geistigen Beunruhigung, in die sich die Menschheit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gestürzt sah.

Nicht allein das soziale Gefüge der Gesellschaft erwies sich als überständig und verlangte nach Neuordnung. Auch das bisherige Weltbild war fragwürdig geworden. Um 1900 entwickelte Max Planck die Quantentheorie; darauf folgte 1905 Albert Einstein mit der Erforschung der Relativitätstheorie. Das führte zu einer neuartigen Weltschau, deren Tragweite noch nicht überblickt, sondern erst in unklaren Vorstellungen erahnt werden konnte. Zugleich verlor der Mensch seine Bedeutung als das Maß aller Dinge. Die Psychoanalyse stieß in die Bereiche des Unbewußten vor; sie weckte Zweifel an der Freiheit des Willens und deutete das Verhalten des Menschen aus seiner Abhängigkeit von uneingestandenen Wünschen und längst dem Bewußtsein entrückten Erlebnissen, die sich in rätselhaften Träumen ausdrucken. Unsicherheit war die Folge. Neue Fundamente mußten gefunden, neue Maßstäbe gesetzt werden. Es konnte nicht ausbleiben, daß dieses Vortasten nach einem neuen Wirklichkeitsbild sogleich, ja zuallererst in der bildenden Kunst sichtbar wurde. Die Folgerichtigkeit des von Kandinsky beschnittenen Weges zur Abstraktion erwies sich schon aus der Tatsache, daß nach 1911 allerdings unabhängig von ihm in Moskau Larionov und in Paris Kupka sowie Robert und Sonja Delaunay zu abstrakten Formen vordrangen. Als Kandinsky mit seinem ersten nicht-gegenständlichen Bild die "reine Komposition" entdeckte, war er 43 Jahre alt. Er schritt dann unbeirrbar auf dieser von ihm als richtig erkannten Linie fort.

Blieben zu Beginn dieses Weges auf seinen Bildern die Formen der Dingwelt - wenn auch zu bloßen Sinnzeichen vereinfacht - noch häufig unter der Abstraktion zu erahnen, so verzichtete er schon bald auf jegliche Anklänge an die reale Welt. In stetiger Entwicklung zeigt sein Schaffen die fast unübersehbare Fülle der Möglichkeiten, die von der Turbulenz des Expressionismus bis zur Strenge des Konstruktivismus einem abstrakten Gestalten offenstehen. Aber bei allem Reichtum an poetischer Erfindung ist seine Malerei im letzten Grunde geistiger Natur. Bewußt suchte er das Reich der Kunst völlig vom Reich der Natur zu trennen; er sah in einem Abbilden der Wirklichkeit eine oberflächliche Art von Malerei, da nach seiner Überzeugung " ein gegenständliches Bild niemals in die unerforschlichen Tiefen des Geistigen im Menschen vordringen konnte". Mit hellsichtiger Klarheit sprach er in seinen theoretischen Schriften die Prophezeiung aus, daß sich die Menschheit in der Geschichte der Kunst auf eine völlig neue Epoche hinbewege; und mit der Akribie eines Wissenschaftlers legte er sich immer wieder Rechenschaft ab über den Weg, auf dem er zum Neuen voranging. Im Schlußsatz seiner "Rückblicke" sagte er bereits 1913: "In vielen Dingen muß ich mich verurteilen, aber Einem blieb ich immer treu - der inneren Stimme, die mir mein Ziel in der Kunst bestimmt hat und der zu folgen ich bis zur letzten Stunde hoffe".

Wassily Kandinsky wurde 1866 in Moskau als Sohn wohlhabender Eltern geboren; eine seiner Urgroßmütter soll eine mongolische Prinzessin gewesen sein. 1871 siedelte die Familie nach Odessa über, wo Kandinsky von 1876 bis 1885 die Schule besuchte. Anschließend studierte er in Moskau Jura und Volkswirtschaft. Seine ungewöhnliche Intelligenz befähigte ihn besonders zu wissenschaftlicher Arbeit. Er nahm teil an einer Forschungsreise durch Nordostrußland und wurde daraufhin von der Moskauer Gesellschaft für Naturwissenschaft, Ethnographie und Anthropologie sowie von der Juristischen Gesellschaft der Moskauer Universität zum Mitglied gewählt. Nach Abschluß seiner Studien reiste er 1892 nach Paris. 1893 war er wieder in Moskau und wurde zum Attaché der juristischen Fakultät ernannt. Schon damals interessierte er sich stark für Malerei. Er empfing nachhaltige Eindrücke von der Rembrandt-Sammlung in der Ermitage in St. Petersburg und bewunderte auch die russische realistische Malerei, besonders die Arbeiten llja Efimovie Repins.

Für sein weiteres Leben entscheidend wurde jedoch im Jahre 1895 eine Ausstellung französischer Impressionisten in St. Petersburg, wo er auf einem der "Heuschober"-Bilder Monets zunächst den dargestellten Gegenstand gar nicht erkennen konnte, dann aber wie in plötzlicher Erleuchtung über die vom Gegenständlichen ganz unabhängige Eigenbedeutung der Farbe und des Malerischen Klarheit gewann. Etwa zur selben Zeit bemerkte er in einer Aufführung von Richard Wagners Lohengrin-, daß sich vor seinem inneren Auge Klänge und Akkorde assoziativ in Farbharmonien umsetzten; ganz ähnliche Erlebnisse schenkte ihm auch die Natur, etwa im Sonnenuntergang, wenn "die Sonne ganz Moskau zu einem Fleck zusammenschmofz, der wie eine tolle Tuba das ganze Innere, die ganze Seele in Vibration versetzte".

Kandinsky wußte nun, daß er zum Maler berufen war. Er lehnte 1896 eine Privatdozentur an der Universität Dorpat ab und ging nach München, um sich zum Maler ausbilden zu lassen. Anfangs studierte er bei Anton Azbé, wo er auch seinen Landsmann A.von Jawlensky kennenlernte. Da ihn Azbé Lehrmethoden wenig förderten, wechselte er 1900 an die Akademie der bildenden Künste über und arbeitete ein Jahr lang bei Franz von Stuck. Zwar blieben ihm auch Stucks künstlerische Ideale fremd, aber er gewann unter dessen Anleitung doch solide handwerkliche Grundlagen für seine Kunst und lernte diese zu disziplinieren. Schon bald geriet Kandinsky in den Bann des Jugendstils, der sich in München um die Jahrhundertwende durchgesetzt hatte. 1901 war Kandinsky Mitbegründer der Künstlervereinigung Phalanx. In seinen Bildern aus den Jahren 1901 bis 1905 verband er die märchenhaft anmutende Kunst seiner russischen Heimat mit den Elementen des Jugendstils, indem er seinen mit den Augen eines Russen gesehenen Vorwürfen eine stark stilisierte Form gab.

Daneben schuf er auch impressionistische Bilder, so 1901 und 1902 die beiden Fassungen Die Schleuse Auf diesen Bildern läßt die Behandlung der Farben schon seine spätere Entwicklung erahnen. Andere seiner impressionistischen Gemälde zeigen deutliche Anklänge an Signac: kühne, noch immer russischen Einfluß verratende Farben werden in großen, voneinander getrennten Flächen aufgetragen: Eisenbahn bei Murnau).

Kandinsky im Arbeitszimmer

Obwohl Nina Kandinsky in der Klassifikation der Stilperioden ihres Mannes die Jahre von 1900 bis 1906 als impressionistische Epoche bezeichnet, wird man mit größerer Berechtigung die Mehrzahl seiner Bilder aus dieser Zeit dem Jugendstil zuordnen müssen. In der Ästhetik des Jugendstils, die Kandinskys scharfer Intellekt bis zur letzten Konsequenz durchdachte, lagen auch die Ursprünge seiner endlichen Hinwendung zur Abstraktion; denn schon der Jugendstil ließ in der Verwandlung pflanzlicher und menschlicher Formen zur Erzielung eines dekorativen Effekts und in seiner linear betonten Architektur deutlich Tendenzen zur Abstraktion erkennen. Ganz eigenständig und keinem bestimmten Stil zuzuordnen ist der 1903 entstandene Blaue Reiter, frei gestaltet und in dick aufgetragenen Farben gemalt. 1904-08 reiste Kandinsky viel; er besuchte Italien, Tunis und Frankreich, wo er sich ein Jahr lang in Sevres aufhielt. Über Dresden und Berlin kehrte er nach München zurück.

Damals verlor sein Stil viel von der impressionistischen Sensibilität und näherte sich der Art der Fauves. 1905 und 1906 stellte Kandinsky in Paris im Salon d'Automne und 1907 zusammen mit den Fauves im Salon des Independants aus. 1908 zog er von München mit Gabriele Münter nach Murnau am Staffelsee, wo sich den beiden sehr bald Jawlensky und Marianne von Werefkin anschlossen. Kandinsky ermunterte die Gruppe zu folkloristischen Studien; die Künstler entdeckten die bayerische Volkskunst, vor allem die örtliche Glasmalerei, von der alle, wenn auch in unterschiedlichen Graden, beeinflußt wurden.

1909 gründete Kandinsky die »Neue Künstlervereinigung München«, der sich unter anderen Paul Klee, Alfred Kubin und August Macke anschlossen. Aus diesen Jahren berichtete Kandinsky in seinen "Rückblicken" von einem für seine Kunst entscheidenden Erlebnis: "Schon in München wurde ich einmal durch einen unerwarteten Anblick in meinem Atelier bezaubert. Es war die Stunde der Dämmerung. Ich kam mit meinem Malkasten nach einer Studie heim, noch verträumt und in die erledigte Arbeit vertieft, als ich plötzlich ein unbeschreiblich schönes, von einem inneren Glühen durchtränktes Bild sah. Ich stutzte erst, dann ging ich schnell auf dieses rätselhafte Bild zu, auf dem ich nichts als Formen und Farben sah und das inhaltlich unverständlich war. Ich fand sofort den Schlüssel zu dem Rätsel: es war ein von mir gemaltes Bild, das an die Wand gelehnt auf der Seite stand. Ich versuchte den nächsten Tag bei Tageslicht den gestrigen Eindruck von diesem Bild zu bekommen. Es gelang mir aber nur halb: auch auf der Seite erkannte ich fortwährend Gegenstände und die feine Lasur der Dämmerung fehlte. Ich wußte jetzt genau, daß der Gegenstand meinen Bildern schadet.«.


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