Alexej von Jawlensky (1864-1941)


Jawlensky gehörte zu den großen russischen Malern, die das Gesicht der Kunst unseres Jahrhunderts entscheidend prägten. Als Sohn adliger Eltern wurde er für die Offizierslaufbahn bestimmt. Nach Absolvierung der Kadettenschule und der Militärakademie in Moskau besuchte er noch als Offizier die Kunstakademie in Petersburg. 1896 nahm er als Hauptmann seinen Abschied; mit .Marianne von Werefkin und zwei Malerfreunden zog er nach .München. Dort studierte er bis 1899 an der damals sehr bekannten Azbé-Malschule, an der er Kandinsky kennenlernte.

In ausgedehnten und intensiven Ateliergesprächen rangen die jungen russischen Künstler um eine Erneuerung der Kunst. Im Almanach "Der Blaue Reiter" schrieb Franz Marc 1912: "Die ersten und einzigen ernsthaften Vertreter der neuen Ideen waren in München zwei Russen, die seit vielen Jahren hier lebten und in aller Stille wirkten, bis sich ihnen einige Deutsche anschlossen". Worin diese neuen Ideen bestanden, bemerkte Franz Marc ebenfalls: "Man begriff, daß es sich in der Kunst um die tiefsten Dinge handelt, daß die Erneuerung nicht formal sein darf, sondern eine Neugeburt des Denkens ist. Die Mystik erwachte in den Seelen und mit ihr uralte Elemente der Kunst". Jawlensky malte in den ersten Jahren in München hauptsächlich Stilleben in einem Stil, der von Vincent van Gogh und Paul Cezanne beeinflußt war. Seine Palette zeigte allerdings schon früh einen eigenen Farbklang. Es ging ihm von Anfang an nicht um formale Probleme, sondern - durchaus im Sinne eines romantischen Symbolismus - um die Sichtbarmachung innerer Werte. So äußerte er 1905:
"Meine Freunde, die Äpfel, die ich wegen ihrer reizenden roten, gelben, lila und grünen Kleider liebe, sind für mich, auf diesem oder jenem Hintergrund, keine Äpfel mehr. Ihre Töne und ihre strahlenden Farben auf dem Grund anderer nüchterner Töne verschmelzen sich zu einer von Dissonanzen durchzogenen Harmonie. Und sie erklingen meinem Auge wie eine Musik, die mir diese oder jene Stimmung meiner Seele wiedergibt. Äpfel, Bäume, menschliche Gesichter sind für mich nur Hinweise, um in ihnen etwas anderes zu sehen: das Leben der Farbe erfaßt von einem Leidenschaftlichen, einem Verliebten".

In den Sommermonaten pflegte Jawlensky nach Rußland, Frankreich oder Italien zu reisen. Den Sommer des Jahres 1908 verbrachte er in Murnau, wo er hauptsächlich Landschaften malte. Durch den Malermönch Verkade war Jawlensky mit dem Kreis der Nabis in Paris bekannt geworden. Wurden die zur Abstraktion drängenden Ideen des russischen Syrnbolismus durch Marianne von Werefkin vertreten und von Kandinsky bereitwillig aufgenommen, so ging Jawlensky eigene Wege, die zu einer Konzentration der Form und zu einer glühenden Farbigkeit führten.

Im Jahre 1909 gründete Jawlensky mit W.Kandinsky zusammen die Neue Münchner Künstlervereinigung. Im selben Jahr erreichte seine Kunst ihren ersten Höhepunkt mit den großen Figurenbildern, zu deren bekanntesten Werke wie Dame mit Fächer, Mädchen mit Pfingstrosen , Mädchen mit blonden Zöpfen und Die weiße Feder zählen, das ein Porträt des Tänzers Sacharoff darstellt. Mit diesen Gemälden zeigte Jawlensky, daß er das künstlerische Erbe der Vergangenheit zum Eigenbesitz zu machen vermocht hatte: die symbolträchtige Farbgebung Gauguins, die abstrahierende Formkraft Cezannes und die leidenschaftlicne Pinselführung van Goghs. Aber Jawlensky begnügte sich nicht mit der aristokratischen Eleganz dieser großen Bilder. Deshalb begann er 1910 die Farben zu steigern und gegeneinander mit dunklen Konturen abzugrenzen. Es war die Farbe und immer wieder die Farbe, der er sich leidenschaftlich verschrieben hatte.

Im Sommer 1911 weilte er in Prerow an der Ostsee. Zu jener Zeit bevorzugte Jawlensky die Farben Orange, Blau, Kadmiumgelb, Chromoxydgrün und vor allem Rot, die wie aus innerer Ekstase hervordrangen. Nach seinen eigenen Worten gelang ihm damals zum ersten Mal, den seinem Kunstwollen entsprechenden Ausdruck zu finden, Das großartigste und. bekannteste Bild aus jener Epoche ist Der Buckel, das in der Vereinfachung der Form und der Intensität der Farbe eine Höchstleistung darstellt. Von starken preußischblauen Konturen gebändigt, leuchtet vor blauem Hintergrund das zusammengeballte Rot, das den nahezu quadratischen Rahmen bis zum Bersten füllt. Gleichsam eingekeilt in den Rumpf lauert der listige Kopf. Mit meisterlicher Oberlegenheit wurden die Mittel auf das sparsamste verwendet. Im Herbst 1911 fuhr Jawlensky nach Paris, wo er Matisse traf. 1912 entstanden die meisten jener starken und gewaltigen Köpfe, die Zeugnis von der elementaren Gefühlsweit des Malers ablegen. Man nannte ihn den "russischen Fauve". 1913 zeichnete sich wiederum eine Wandlung seines Stiles ab. Er gab die bis dahin bevorzugte quadratische Bildform zugunsten eines höheren und schlankeren Formates auf. Die Gesichter wurden länglicher, die Farben gedämpfter. Die Vorherrschaft des Blau setzte ein, Rot und Grün traten zurück. Im Gesicht begann sich das Kreuz abzuzeichnen, das aus der Waagerechten der Augen und der Senkrechten der Nasenlinie geformt ist.

Jawlensky wurde 1914 bei Kriegsbeginn sofort aus Deutschland ausgewiesen in St.Prex am Genfer See fand er eine bescheidene Zuflucht. Hier entwickelte er mit den "Variationen über ein landschaftliches Thema" einen neuen Stil, den er später selbst beschrieb: "Ich fing nun an, einen neuen Weg in der Kunst zu suchen. Es war eine große Arbeit. Ich verstand, daß ich nicht das malen mußte, was ich sah, sogar nicht das, was ich fühlte, sondern nur das, was in mir, in meiner Seele lebte. Bildlich gesagt, es ist so:"Ich fühlte in mir, in meiner Brust eine Orgel, und die mußte ich zum Tönen bringen. Und die Natur, die vor mir war, soufflierte mir nur. Und das war ein Schlüssel, der diese Orgel aufschloß und zum Tönen brachte".
In diesen Variationen wird die Landschaft zuerst noch abbildlich gesehen, dann aber farbig umgeformt; allmählich verdichtet sich die Darstellung zum Gedankendiagramm, insofern die Gegenstände der Natur zu Zeichen werden. 1917 siedelte Jawlensky nach Zürich über; dort nahm er sein altes Thema des menschlichen Gesichtes wieder auf. Aber durch die Erfahrungen der "Variationen" stilisierte er das Gesicht bei aller Porträtähnlichkeit stärker, um so das Charakteristische der dargestellten Person deutlicher zu machen. Aus dem Bildnis der jungen Malerin Emmy Galka Scheyer, die er damals kennengelernt hatte, entwickelte er ein überpersönliches Antlitz, dem er Namen wie Heiligengesicht oder Christuskopf gab. Daraus entstanden in Ascona, wo er von 1918 bis 1921 lebte, die ersten in konstruktivistischer Darstellungsweise gemalten Köpfe.
In Wiesbaden, wo sich Jawlensky nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahre 1921 niedergelassen hatte, verfolgte er in den nächsten Jahren in unermüdlicher Arbeit dasselbe Thema, das er in subtiler Art immer wieder variierte. Die zunächst ganz zarte Farbigkeit wurde im Laufe der Jahre immer dunkler und leuchtender. Er gab diesen Bildern solche Titel wie Mondlicht, Inneres Schauen oder Rotes Licht; wie er selbst oft betonte, wollte er damit dokumentieren, daß diese Gesichter für ihn Ausdruck einer überpersönlichen Wirklichkeit waren.
1924 begründete Jawlensky zusammen mit Feininger, Kandinsky und Klee die Ausstellungsgemeinschaft der "Blauen Vier", unter deren Namen er hauptsächlich in den USA ausstellte, wo sich Galka Scheyer um die Anerkennung und Verbreitung seines Werkes bemühte.
Vom Jahre 1929 an befiel Jawlensky eine durch Arthritis verursachte Lähmung. Die sinkende Körperkraft ließ aber seinen Schaffensdrang nur noch stärker auflodern. Seine Farben wurden so dunkel, daß er sagen konnte: "Ich habe auch noch den Zauber der Farbe weggenommen, um mich zu vertiefen ". Die Spur der Pinselstriche benutzte er nun ganz bewußt als Ausdrucksmittel. 1934 begann er als Vollendung und Krönung seines Lebenswerkes die Meditationen zu malen - kleine Bilder, denen er selbst diesen Namen gegeben hatte. Das aus Nasen- und Augenlinie gebildete Gerüst des Gesichtes wird zum Zeichen des Doppelkreuzes, hinter dem die Farben ein unheimliches Eigenleben beginnen. Seine Schilderung aus dem Jahre 1936 gibt einen Begriff von dem nahezu ekstatischen Zustand, in dem Jawlensky diese kleinen Tafeln schuf: "Ich arbeite für mich, nur für mich und meinen Gott. Oft bin ich wie ohnmächtig vor Schmerz. Aber meine Arbeit ist mein Gebet, aber ein leidenschaftliches durch Farben gesprochenes Gebet. Ich arbeite mit Ekstase und mit Tränen in den Augen. Ich arbeite so lange bis die Dunkelheit kommt und mich umhüllt. Und von allen Wänden fließen die Farben".

Mit den Meditationen schuf Jawlensky ein verinnerlichtes Menschenbild, das kaum zu überbieten ist. Die urbildliche Gewalt, die von allen Bildern Jawlenskys ausgeht, wurde schon früh erkannt. So schrieb W. Luz bereits 1921: "Wem das Glück zuteil geworden ist, ein Bild von Jawlensky zu besitzen, dem gebe ich den Rat, es gewöhnlich mit einem Vorhang zu verschließen und nur in Feierstunden sich dem Eindruck auszusetzen. Sie wollen betrachtet sein wie die kostbarsten Heiligenbilder in den Schreinen der alten Flügelaltäre. Nur an Festtagen sollen sie erscheinen".
Als Kandinsky 1936 eine Meditation von Jawlensky geschenkt bekommen hatte, schrieb er an ihn: "Wundervoll sind die tiefen und sprühenden Töne. Der ganze Eindruck ist zugleich der von einer großen Tiefe und lebendigen Frische. Ich beuge mich tief vor der Kraft Ihres inneren geistigen Lebens". Von 1938 bis zu seinem Tode im Jahre 1941 konnte Jawlensky nicht mehr malen; doch kreisten seine Gedanken auch auf dem Krankenlager um die Kunst. Ein so sehr auf das Innere und Persönliche gerichtetes Schaffen, wie es Jawlenskys OEuvre darstellt, mußte ohne jede Nachfolge bleiben. Die geradezu bestürzende Konsequenz in seinem Werk läßt ihn als einen der großen Einzelgänger der modernen Malerei erscheinen. Sein Wahlspruch war: "Kunst ist Sehnsucht zu Gott".

Cl.Weiler © Kindler Lexikon der Malerei


Bilder von A.Jawlensky

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