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Der Blaue Reiter


Am 18. Dezember 1911 eröffneten Wassily Kandinsky, Alfred Kubin, Franz Marc und Gabriele Münter, die kurz vorher aus der von ihnen mitbegründeten Neuen Künstlervereinigung München ausgetreten waren, in der Münchener Galerie Thannhauser die Erste Ausstellung (Bild unten) der Redaktion der Blaue Reiter mit 43 Bildern von Albert Bloch, David u. Wladimir Burljuk, Heinrich Campendonk, Robert Delaunay, Elisabeth Epstein, Eugen Kahler, Kandinsky, August Macke, Marc, Münter, Jean Bloé Niestlé, Henri Rousseau und dem auch als Maler tätigen Komponisten Arnold Schönberg, die 1912 auch in Köln, Berlin, Bremen, Hagen und Frankfurt gezeigt wurden.
Gleichzeitig arbeiteten Kandinsky und Marc an einem Almanach (Bild Mitte), der 1912 dank der Unterstützung des Berliner Sammlers und Mäzens Bernhard Koehler bei Piper in München erscheinen konnte und eine Erneuerung der Kunst aus dem Geistigen forderte. Doch bezeichnete der Name, der auf ein 1903 gemaltes Reiterbild Kandinskys (s.o.) zurückgeht, keine im engeren Sinn programmatisch gebundene Gruppe mit festgelegten Statuten und organisierter Mitgliedschaft. Er sollte vielmehr alle Bestrebungen verbinden, die darauf zielten, die bisherigen Grenzen des künstlerischen Ausdrucksvermögens zu erweitern (Kandinsky). So blieb auch der Freundeskreis, der sich um Kandinsky und Marc bildete, den verschiedensten lntentionen geöffnet; die Spannweite reichte von Abstraktionstendenzen (Kandinsky, Klee, Marc, zeitweilig Macke) und expressionistischen Ansätzen bis zum Naturalismus (Niestlé).

An der zweiten Ausstellung des Blauen Reiters, die im Februar 1912 in der Münchener Kunsthandlung Goltz stattfand und nur graphische Arbeiten zeigte, beteiligten sich u. a. Hans Arp, Georges Braque, Campendonk, Andre Derain, Robert Delaunay, Wilhelm Gimmi, Kandinsky, Klee, Kubin, Michail Larionov, Macke, Marc, Kasimir Malevic, Wilhelm Morgner, Pablo Picasso, Maurice Viaminck sowie fast alle Maler der Künstlergemeinschaft Brücke. Umgekehrt war der engere Münchener Kreis auch in der Sonderbund-Ausstellung vertreten, die im Mai 1912 in Köln veranstaltet wurde, und 1913 im Ersten Deutschen Herbstsalon in Berlin (Sturm-Galerie). Eine kleine Wanderausstellung "Der Blaue Reiter" ging schließlich noch 1914 nach Helsinki, Trondheim und Göteborg.
Bei Beginn des Ersten Weltkriegs zerfiel der Münchener Kreis: Gabriele Münter und Kandinsky gingen in die Schweiz, von wo letzterer nach Rußland zurückkehrte; eingezogen wurden Campendonk, Macke (gefallen 1914) und Marc (gefallen 1916). Wie in der Vorstufe des Blauen Reiters, der 1909 als Sammelbecken moderner Bestrebungen von Adolf Erbslöh, Alexej Jawlensky, Kandinsky, Alexander Kanoldt, Kubin, Münter, Marianne von Werefkin, Heinrich Schnabel und Oskar Wittenstein gegründeten Neuen Künstlervereinigung München, (der Marc erst 1911 beitrat), war es gerade wegen der anfangs geforderten individuellen Freiheit für alle Richtungen rasch zu Spannungen zwischen den Beteitigten gekommen; seit 1912 vor allem zwischen Macke und Marc, dann auch zwischen Marc und Kandinsky, dessen Wunsch nach einem ideal gesinnten Freundesbund nicht in Erfüllung ging.

Die divergierenden Interessen behinderten einen konsequenten Zusammenhalt des ohnehin fluktuierenden Kreises, zumal die Vorstellungen der Initiatoren mehr von der romantischen Ideenwelt der Münchener Jugendstil-Atmosphäre bestimmt waren als von klaren Konzeptionen einer formalen Erneuerung, denen sie im Orphismus Delaunays begegneten, der vor allem Marc und Macke stark beeinflußte. Die verkündete Synthese von Weltvernunft und Weltgefühl, auch die daran vor allem von Marc und Kandinsky abgezogene, schwärmerische Kunstphilosophie konnten keinen Rückhalt geben, zumal pragmatischere Köpfe wie Klee oder Macke sehr rasch die Obskuranz solcher Theorien erkannten.
Und doch gingen von der Gruppe entscheidende, noch heute wirksame Impulse aus. Sie steht neben den Kubisten, über die Kandinsky als erster hinausging, und nach der Französischen Avantgarde der Jahrhundertwende am Beginn der modernen Malerei. Hier fand Kandinsky den Boden, auf dem er die abstrakte Malerei theoretisch begründen und praktisch durchsetzen konnte; überdies trugen er und Klee viele im Kreis des Blauen Reiters entwickelte Vorstellungen nach dem Ersten Weltkrieg in das Bauhaus hinein.

Franz Marc

Wassily Kandinsky

Gabriele Münter